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trugschluss #mphil125

 

EIN MUSIKHANGAR MIT KLANGSTÜRMEN UND KUNSTFLÜGEN

 

Samstag, 01. Juni 2019 | 14-24 Uhr

 Gasteig München

 Rosenheimerstraße 5, 81667 München

Münchner Philharmoniker wurden 125 und trugschluss gratulierte

Die Münchner Philharmoniker feiern in der aktuellen Spielzeit 2018/19 ihr 125-jähriges Bestehen. trugschluss hat mit einem ganztägigen Programm am 01. Juni 2019 im Münchner Gasteig bei freiem Eintritt gratuliert: In Anlehnung an Otto Lilienthals Normalsegelapparat, der im Geburtsjahr der Münchner Philharmoniker als erstes serienproduziertes Flugzeug Geschichte schrieb, wurden Philharmonie und der Gasteig in ein Musikhangar verwandelt. Bei Konzerten, musikalischen Flug-Shows, Soundinstallationen und Konzerten wurden etwas andere (Vogel)Perspektiven auf das Orchester der Stadt eingenommen als die üblichen.

GEORG NUSSBAUMER

ATLAS DER BEWEGTEN LUFT [URAUFFÜHRUNG]

 

ATLAS DER BEWEGTEN LUFT: MUSIK
Eine begehbare Symphonie für Projektorchester

 

ATLAS DER BEWEGTEN LUFT: WIND

Eine philharmonische Sturmskulptur

»Musik ist ja im Grunde nichts anderes als bewegte Luft, die dann unsere Herzen bewegen soll« – auf diesem Grundsatz basiert das neue Diptychon »Atlas der bewegten Luft« des österreichischen Komponisten und Konzeptkünstlers Georg Nussbaumer, in dem sich eine kreative Auseinandersetzung mit dem Orchester, der Flugthematik und dem Gasteig gleichermaßen vereint. Das tägliche Neben- und Durcheinander von Konzerten sowie Proben- und Unterrichtssituationen im Gasteig, der zahlreiche Musikerinnen und Musiker aller Sparten beherbergt, formt der Komponist im ersten Teil seines neuen Werks zu einer zweistündigen Massenperformance. Nussbaumers Idee einer begehbaren Symphonie ermöglicht es, sich als Hörer inmitten der Klangwolken zu bewegen, von allen Seiten beschallt zu werden. Wer sich von dem komponierten Klangstrom durch den gesamten Gasteig hindurch treiben lässt, bewegt sich zwischen geordnetem Chaos und Transparenz, zwischen extremen Klangblöcken und Evergreens der Musikgeschichte. Der Weg durch diesen massiven Klangkörper wird individuell gewählt, etwa um gehend von einer Tonart in die andere zu modulieren oder intuitiv dem Ohr und dem eigenen Musikgeschmack zu folgen. Georg Nussbaumer hat dabei Profi- und Laienmusiker gleichermaßen im Blick. Sie alle spielen isoliert, sind aber stets Teil eines Ganzen. Die musikalischen Aufgabenstellungen an die Interpreten sind oft schlicht und konzeptuell einfach: Tonleitern, Dreiklänge, gehaltene Töne, Trugschlüsse oder Spielanweisungen wie »so laut wie möglich«. So werden die unterschiedlichen musikalischen Niveaus der Musikerinnen und Musiker zwischenzeitlich nivelliert und die einzelnen Aktionen entfalten erst im gemeinsamen Spiel einer Masse an Performerinnen und Performern ihre ganze klangliche und physische Wirkung – das beweisen spätestens die Besuche in den »Trommel- und Klavier-Höllen«. Immer wieder schimmern Repertoirestücke aller Genres und Epochen durch, sodass für kurze Momente ein Atlas der gesamten Musik entsteht. Den Auftakt für die Uraufführung gibt der Komponist selbst um Punkt 17 Uhr, denn die Partitur ist mittels Minuten- und Sekundenangaben strukturiert: alle Mitwirkenden stimmen ihre Einsätze präzise nach der Weltzeit ab.

Fotos: Nikolai Marcinowski

Im zweiten Teil des Diptychons »Atlas der bewegten Luft« von Georg Nussbaumer wird es im Vergleich zum Massenmusizieren nahezu puristisch, aber nicht minder ergreifend: Protagonist auf der Bühne der Philharmonie ist ein Kammermusikensemble aus schweren Schneekanonen, die weder Wasser noch Schnee ausspucken, aber zu atemberaubenden Gebläsen werden und eine philharmonische Sturmskulptur im Saal entstehen lassen. Von Musikerinnen und Musikern des Orchesters werden diese Sturm blasenden Giganten fast tänzerisch gebändigt und nach musikalischen und choreografischen Maßgaben wie Instrumente gespielt. Die komponierten Luftströmesind Musik, die ihres Klangs entkleidet wurde – fast wie ein unsichtbares Madrigal mit sich kreuzenden und gegenseitig umspielenden Stimmen. Nur mehr stark bewegte Luft wird zum Sinnbild dafür, welche Energie von den Münchner Philharmonikern als großes Orchester allabendlich von dieser Bühne in den Zuschauerraum versprüht wird und dass das Hören von Musik auch ein körperlicher Akt ist. »Auch zeitgenössische Musik und Kunst darf mal kräftig sein, das Feld solcher Erfahrung und Gestaltung sollte nicht dem Rock- und Popbereich überlassen werden«, formuliert Nussbaumer über sein Konzept von der kinetischen 3D-Sturmskulptur. »Allerdings nicht mit kräftigen und sofort vorhersehbaren Schlägen, sondern mittels unvorhersagbaren Strömungen und Angriffen – im Sinn von angreifen und anfassen.« Wer sich durch den Kompass hindurchbewegt, wird die Winde aus allen Himmelsrichtungen spüren – ohne dabei selbst abzuheben.

GEORG NUSSBAUMER

KISTENHIMMEL

Ein Orchester ist auch auf Tournee ohne seine Instrumente unvorstellbar – eben diese müssen gut verpackt sein in Koffern und Flugkisten: Als schützende Schatten begleiten die wuchtigen Boxen das Orchester auf seinen Reisen. Auf Rollen, schrankförmig, schemenhaft folgen sie den Umrissen der wertvollen Instrumente. In Georg Nussbaumers Skulptur formieren sich die Kisten zum Pulk. Sie türmen und wuchern mit ihren exzentrischen Formen. Was mag sich hinter ihren Schalungen verbergen?
Für den Moment geben sie den CD-verpackten Klängen der Jubiläumsedition der Münchner Philharmoniker Rückendeckung. Sie übernehmen die Archivfunktion und beherbergen die Klänge der Einspielungen ihres Orchesters. Eine begehbare Installation der archivierten Musik zum Nachhorchen und Hineinhören.

FELIX KRUIS & NIKOLAUS WITTY

REALITY DISTORTION FIELD: SKYBAR EDITION

Aus dem Tower der Skybar geben die Gäste selbst den Takt an: mit neuesten Technologien wie Sensorik, Kontaktmikrofonierung und Software zur Klangveränderung. Bar und Tische werden durch die Spielfreude der Besucher*innen zu elektroakustischen Instrumenten und laden zum spontanen perkussiven Spiel ein. Klopfen, Klappern, Gläserklirren emanzipieren sich bis die Klangnorm Kopf steht. Musik ist, was wir daraus machen. Dieses Mal werden Kontaktmikrofone, Live-Klangregie und Lautsprecher arrangiert, um aus alltäglichen Möbeln Instrumente entstehen zu lassen, die in der Grauzone von konkreter und elektronischer Musik funktionieren. Tische und Bar werden als musikalisch bespielbare Fläche zu einem elektroakustischen Interface. Sobald jemand einen Teller, ein Glas oder eine Flasche abstellt oder mit bloßen Händen darauf klopft, wird das Geräusch lautstark und vielfältig verändert wiedergegeben. Zusätzlich gibt es das Angebot, die Möbel mit perkussiven Schlegeln zu nutzen. Die Gäste können mit allem frei über die mikrofonierten Tischflächen interagieren. Sie können im perfomativen, vielleicht tänzerischen Wechsel komplexe Klang-Raum-Szenen konstruieren oder improvisieren – oder akustisch über die Distanz kommunizieren. Felix Kruis, Multimedia-Künstler und Absolvent der Akademie der Bildenden Künste München, und Nikolaus Witty, Dramaturg und Theatermacher, laden alle ein mitzuspielen, den Takt des Towers anzugeben.

TANDEM

UNWAHRSCHEINLICHE WERKSTÄTTEN IM GESPRÄCH

Im Zentrum des Geschehens: zwei fiktive Werkstätten. Die eine ist eine Mixtur aus Instrumentenbauwerkstatt, Probenraum und Notenarchiv, die andere ein Hybrid aus Fluglotsen-Tower, Cockpit und Hobbygarage. Hier verbünden sich Orchestermusiker*innen der Münchner Philharmoniker, Modellflugzeugbauer, Instrumentenbastler und Hobbypiloten und tauschen sich über ihre Expertisen und Leidenschaften aus. Solides Handwerk, Materialverliebtheit, systematisches Ausprobieren und der Blick für Details verbindet die Protagonisten beider Werkstätten – egal ob sie Instrumente und Instrumentenpräparationen perfektionieren oder Flugobjekte designen. Es entstehen hochspezialisierte und technisch akribisch gearbeitete Artefakte, die dann für ephemere Ereignisse und Glücksgefühle sorgen: etwa eine Symphonie, die sich aus dem Orchesterapparat erhebt, oder der Moment der Freiheit beim Fliegen. Mit technischem und technologischem Interesse widmen sich die Werkstatt-Gäste der Geschichte des Instrumentenbaus und des Flugzeugbaus auf je eigene Weise, greifen mit ihrem Erfindergeist und ihrer Kreativität aber nach der Innovation. Sie bringen ihre Erfindungen mit, tauschen sich über Berufungen und Hobbys aus und wagen auf offener Bühne auch ungeprobte Experimente mit analogen und digitalen Handwerkszeugen. Durch diese Werkstattberichte führt ein Moderations-Tandem, das seinerseits einen breiten Background zwischen Musik und Fliegen aufweist: Kathi Roeb sucht für »BR Klassik« gerne auf Hinterbühnen und Nebenschauplätzen nach Protagonisten und sympathischen Geschichten, die auf der großen Bühne ausgeklammert werden. Andreas W. Kohn vereint als ehemaliger Herausgeber eines Flugsportmagazins und als Theaterregisseur technisches Wissen und Ästhetik auf beiden Sektoren. Beide Werkstattkulissen auf der Bühne des Carl-Orff-Saals sind für das Publikum einsehbar und betretbar und sie werden zum Austragungsort, wo Musik und Fliegerei auf künstlerisch produktive und charmante Weise aufeinandertreffen.

 

Mit: KAI RAPSCH, Englischhornist der Münchner Philharmoniker | KATHARINA REICHSTALLER, Zweite Violine der Münchner Philharmoniker | MARKUS WÖRZ, Bogen- und Modellflugzeugbauer | WINFRIED GRABE, Geiger, Pilot und Modellflugzeugbauer | BENNO HEISEL, Instrumentenentwickler und Musiker | 
KATHI ROEB, »BR Klassik Sweet Spot« | ANDREAS W. KOHN, Regisseur, ehem. Herausgeber eines Flugsportmagazins

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